Mittwoch, 13. Oktober 2010

Das Wunder von Chile – von außen betrachtet

Seit dem 5. August harrten 33 Bergleute verschüttet in 622 Meter Tiefe aus. Und warteten auf ihre Rettung. Bis zum heutigen 13. Oktober. Dagegen ist ein zwölfstündiger Stopp im Tunnel zwischen Frankreich und England eine kleine Randepisode. Und der Stillstand eines ICE auf freier Strecke von einer oder mehreren Stunden schon nicht mehr erwähnenswert. Zeit ist relativ und mir ist bewusst, dass man dies nicht vergleichen kann.


Auch wenn Bergleute „anders ticken“ als wir, die wir über der Erde meist bei Tages- oder gar Sonnenlicht arbeiten – 70 Tage in der Tiefe eingeschlossen zu sein, ist Stress pur. Auch für erfahrene Bergleute.

Allein die Vorstellung der Situation – ich gebe es zu – ist weit mehr als ein ungutes Gefühl. Vielleicht deshalb (oder um es besser zu verstehen) habe ich mir die letzte Nacht um die Ohren geschlagen und den Livestream im Web verfolgt.


Als anfangs die Rettungskapsel mit Hammer und Meißel bearbeitet wurde, Kabel einfach „verzwirnt“ wurden, glaubte ich mich in die Zeit der Improvisation in der DDR versetzt. Auch irritierte mich, dass das Zugseil nicht in der Mitte der Seilbrücke (korrekter Begriff?) hing. Aber: Ich bin Laie und dort sind Profis am Werk. Von daher...


Gegen 0:45 Uhr ging es dann los - Präsident Piñera hielt eine Ansprache und mit einiger Wartezeit konnte man 2:35 Uhr einen Testlauf der Rettungskapsel miterleben. Allein die Tatsache, dass der Durchmesser der Röhre mit 60 cm kleiner ist, wie der Gulli eines Dorfkanales, sorgt für Gänsehaut.

4:19 Uhr fährt – nach mehreren Proben - der erste Retter mit der Kapsel nach unten. Knapp ein Stunde später ist der erste Bergmann gerettet - Florencio Ávalos Silva.


5:27 Uhr fährt ein weiterer Helfer nach unten, zu den noch ausharrenden Eingeschlossenen. 7:08 Uhr ist der dritte Kumpel in Sicherheit. Zwischenzeitlich gibt es Ansprachen hochrangiger Staatsfunktionäre, die mich (wie auch die aufwändige Deko und Ausstattung der Bergleute) ein wenig an die DDR früher und Nordkorea heute erinnern. Ich werde das Gefühl nicht los, dass sich selbst ein Bergwerksunglück noch politisch vermarkten lässt.


10:34 Uhr ist der sechste Verschüttete gerettet. Die Rettungsaktion läuft bislang (Stand: 18:45) erfolgreich weiter. Die letzte Nacht hat auch auf politischer Ebene etwas gebracht: Chile und Bolivien sind sich wieder ein ganzes Stück näher gekommen.


Bleibt zu hoffen, dass alle Verschütteten und die eingefahrenen Helfer heil an die Oberfläche gelangen und dass Unglücke dieser Art, über deren Ursachen ich jetzt nicht mutmaßen möchte, künftig der Vergangenheit angehören.



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