Montag, 6. September 2010

Superstaus in China und der Qualitätsjournalismus

Die Statements der „etablierten Medien“ (was auch immer man darunter verstehen mag) klingen immer wieder gleich, wenn es um die Bewertung von Blogs & Blogbeiträgen sowie der Kommunikation im Allgemeinen durch „Nichtprofis“ geht: Der Qualitätsjournalismus ist durch nichts zu ersetzen, nicht verifizierte und schlecht recherierchte Informationen dominieren im Web 2.0 sind keine Gefahr für die klassischen Medien.

Spätestens, seit immer öfters durch Qualitätsjournalisten ungeprüftes Material von Wikipedia übernommen wird oder Facebook- und andere Einträge einfach mit „Quelle: Internet“ versehen werden, weiß man, dass dies nicht wirklich so ist. Wobei: Man sollte nicht pauschalisieren sondern differenzieren. Es gibt – wie auch bei den Bloggern – solche und solche.

Mitunter aber fallen alle auf eine Ente herein, wie auf den „Superstau in China“, den die Nachrichtenagentur APN am 24. Juli in die Tasten haute. Über 100 km lang sei der, der Mega-Stau, geplagte Autofahrer hingen teilweise seit über 10 Tagen fest und Dorfbewohner entlang der Staustrecke machten den großen Reibach mit Lunchpaketen und Getränkeversorgung.

Und alle waren dabei – beim Abschreiben:


Spiegel Online mit „Gefangen im Superstau“
„Ein Kilometer - pro Tag. Wann genau sich der Stau auflöst, weiß derzeit niemand. Solange er fortbesteht, dauert die Fahrt von Jining nach Peking etwa drei Monate. 99 Tage für die ersten qualvollen hundert Kilometer, einen Tag für die restlichen 260.“

Tagesschau.de
„Seit zehn Tagen im 100-Kilometer-Stau. Im Norden Chinas werden Autofahrer derzeit auf eine harte Probe gestellt: In der Nähe von Peking stehen hunderte von Auto- und Lkw-Fahrern seit mittlerweile zehn Tagen im Stau - und ein Ende ist nicht abzusehen.“

Kurier (/Österreich)
„100-km-Stau in China wird Wochen andauern. Bereits seit zehn Tagen geht auf einer Autobahn bei Peking nichts mehr weiter: Die Autos kommen pro Tag nur einen Kilometer voran.“

Tagesanzeiger (Schweiz)
„100-Kilometer-Stau in China. Autofahrer im Norden Chinas müssen sich derzeit in extremer Geduld üben: Auf einer Strecke von rund 100 Kilometern hat sich ein riesiger Verkehrsstau gebildet. Bis er sich auflöst, kann es noch Wochen dauern.“

N24
„10 Tage im 100-Kilometer-Verkehrsstau. In China ist alles eine Nummer größer: Sogar die Staus. Auf 100 Kilometern müssen sich Autofahrer auf dem Weg nach Peking in Geduld üben. Lediglich einen Kilometer kommen die Fahrzeuge pro Tag voran.“

heute.de
„100 Kilometer Stau in China. Auflösung kann Wochen dauern. Autofahrer im Norden Chinas müssen extreme Geduld haben: Auf einer Strecke von rund 100 Kilometern reiht sich dort Stoßstange an Stoßstange - und das schon seit zehn Tagen. Die Auflösung des Mega-Staus kann noch Wochen dauern.“

Weitere Quellen erspare ich mir und den Lesern... Man beachte die Kreativität beim Zitieren der APN-Meldung. Und - wer rechnen kann, ist klar im Vorteil: 100 Kilometer Stau seit zehn Tagen macht bei einem Kilometer Bewegung pro vierundzwanzig Stunden rund drei Monate Leben auf der Autobahn. Das hat zumindest der Spiegel richtig erkannt.

Irgend wann muss noch jemand gerechnet haben. Und so gereicht es der ARD zur Ehre, dass sie ihre eigene, oben zitierte Meldung zumindest im Tagesschau-Blog kritisch hinterfragte. Besser gesagt: Keine Kosten scheute und ganz China nach dem Superstau abzufahren, um dann kurz vor der Inneren Mongolei wieder umzukehren. Ohne diesen Superstau zu finden. Kurzum: Die APN-Meldung war schon nicht mehr aktuell, als sie publiziert und zitiert wurde.

Aber nicht destro trotz: Das Leben geht weiter. Und so berichtet am heutigen Montag (06. September 2010) nachrichten.at „Wieder 120 Kilometer-Stau in China“.

Um nicht missverstanden zu werden: Ich kann einerseits die Situation vor Ort selbst nicht bewerten. Auch bezweifle ich nicht, dass es in China und besonders rund um die Hauptstadt Staus gibt. Andererseits: Wer zehn Tage und länger im Stau steht, hinterlässt an den Straßenrändern Spuren, die den eifrigen Rechercheuren der ARD aufgefallen wären. Also was soll dieser Schwachsinn? Ich halte die Chinesen außerdem für schlau genug, im Falle eines längeren Staus die Autobahn an der nächsten Abfahrt zu verlassen. Oder gar nicht erst drauf zu fahren. Oder im Zweifel umzukehren.

Ich bin überzeugt davon, dass inzwischen mancher Blogger Agenturmeldungen kritischer hinterfragt als es die Qualitätsjournalisten tun. Der sprichwörtliche Sack Reis in China wird nicht interessanter und wichtiger, indem man daraus eine Horrormeldung macht.



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