Freitag, 24. September 2010

Die Gegner der Gegner von Stuttgart 21 - real und im Internet

Jeder hat es inzwischen zur Kenntnis genommen – egal, ob in der Tageszeitung, den TV-Nachrichten oder im Internet: In Stuttgart verschafft sich Volkes Wille zunehmend Aufmerksamkeit.

Stuttgart 21 – das ist ein Verkehrs- und Städtebauprojekt zur Neuordnung des Eisenbahnknotens Stuttgart, wie man bei Wikipedia nachlesen kann. Interessant ist auch die zeitliche Abfolge. So wurde da Projekt nach dem Raumordnungsverfahren ab Oktober 2001 beim Eisenbahn-Bundesamt eingereicht. Der Planfeststellungsabschnitt 1.1, der sich mit dem Umbau des Hauptbahnhofes befasst, wurde im Juni 2006 rechtskräftig. Begonnen allerdings hat das Ganze 1988: Der renommierte Stuttgarter Verkehrswissenschaftler Gerhard Heimerl präsentierte erstmals die Idee eines Durchgangsbahnhofes in Stuttgart. Der Schienenfernverkehr soll unter der Stadt hindurch via Tunnel auf die Filderebene geführt und auf einer kompletten Neubautrasse Richtung Südosten geführt werden.

Zu weit weg vom Ort des Geschehens mag und will ich mich mangels Detailkenntnis nicht positionieren. Ich gestehe aber ein, dass ich den subjektiven Eindruck habe, dass ein Großteil der Demonstranten gegen das Projekt Stuttgart 21 dieses nur als Motiv nehmen, um gegen – was auch immer – zu sein. Das "was auch immer" kann dabei eine ziemliche Bandbreite haben – von Hartz IV bis Atompolitik, von der Missbilligung der politischen Kaste im Allgemeinen bis hin zu individuellen, lokalen Turbulenzen.

Einmal davon abgesehen, dass sich die Gegner von Stuttgart 21 der Wendesymbole von 1989 in der DDR bedienen ("Montagsdemo", "wir sind das Volk"), worauf die Plauener und Leipziger damals kein Copyright beantragt haben, stellte sich für Außenstehende wie mich die Frage, weshalb es nach 2001, spätestens nach 2006 keine lautstarken Signale aus Stuttgart gegen das Projekt gab.

Inzwischen wird an zwei Fronten gekämpft – vor Ort am Bahnhofsgelände und im Internet. Vor Ort, so mein Eindruck aus der Berichterstattung der Medien, finden sich überwiegend ältere Bürger, die sich positionieren. Im Internet die Jüngeren, die ihre Meinung in die Tastatur klickern. Allein bei Facebook bekommt man zu "Stuttgart 21" mehr als 30 Seiten angezeigt. Und: Man findet – wie real vor Ort Gegner und Befürworter.

Unter den Kritikern der Gegner zeichnet sich ein Hauptargument ab, das durchaus nachvollziehbar ist: Die Grundkritik besteht in der Annahme, dass Stuttgart 21 wesentlich teurer wird, als zunächst veranschlagt. Die Gegner der Gegner meinen nun: Stuttgart 21 wird noch wesentlich teurer, wenn die Blockaden und andere baueinschränkende Aktivitäten nicht aufgegeben werden. Ein Argument, welches ich durchaus nachvollziehen kann.

Dumm nur, dass bald wieder Wahlen anstehen. Das hat auch die Volkspartei SPD zur Kenntnis genommen. Plötzlich – ihre eigene mitwirkende Vergangenheit vergessend, ist die SPD für eine Volksabstimmung, während die Grünen einen Baustopp fordern. Kurzum: Der Streit von Gegnern und Befürwortern ist inzwischen zum Politikum geworden und die SPD riskiert ihre Glaubwürdigkeit, wie u.a. die Badische Zeitung feststellt.

Da ich als Sachse nicht wirklich einen konkreten Bezug zum Streitobjekt habe, fällt es mir schwer, mich zu positionieren. Sicher haben sich die meisten, die diesen Blogeintrag lesen, inzwischen selbst eine Meinung gebildet, so dass dies auch nicht zwingend notwendig ist. Eine gewisse Tendenz ist ja aus meinen vorherigen Äußerungen abzulesen...

Mein Fokus liegt viel mehr auf dem Medium Internet und wie dort agiert wird. Das sind Blogs, das ist Twitter und das sind u.a. Facebook & Co. Während ich bei Twitter überwiegend kritische Tweets zu Stuttgart 21 lese (also die Gegner), finde ich in den Portalen und auch in Blogbeiträgen vermehrt Befürworter. Also die Gegner der Gegner. Allein diese Möglichkeit, Meinungen zu artikulieren und auf andere meinungsbildend zu wirken, halte ich – auch über das Thema "Stuttgart 21" hinaus – für sehr interessant und zukunftsweisend.

Ob stuttgart-blog.net,  bei-abriss-aufstand.de oder prosit21.de  (um nur exemparische Beispiele zu nennen) - die Meinungen sind vielfältig.

Der Vorteil im Internet: Es gibt keine Polizei, die knüppelt. Es entstehen keine realen Schäden, auch keine Kollateralschäden – sofern man vernünftig miteinander kommuniziert. Der Nachteil im Internet: Jeder kann schreiben, was er mag. Ungeprüft. Von daher ist eine Recherche, inwieweit die Bestandteile einer Argumentation tatsächlich belastbar sind, angeraten. Das ist genau das, was eigentlich die Aufgabe der "Qualitätsjournalisten" ist bzw. wäre. Wir müssen zur Kenntnis nehmen, dass es manche noch verantwortungsvoll tun, andere jedoch entweder parteinah reflektieren oder sich im Internet bedienen und der Stimmungslage anpassen.

Von daher gefällt es mir ganz gut, dass wir das Medium Internet zur Verfügung haben, um zu recherchieren, Meinungen auszutauschen und uns eben letztlich eine eigene Meinung zu bilden. Stuttgart 21 mit seinen Gegnern und Befürwortern ist ein gutes Beispiel dafür.




Flattr this





Keine Kommentare:

Blog Feedback