Mittwoch, 11. August 2010

KiK dir deine Meinung





Der Chefreporter des NDR Christoph Lütgert zeigt den Textildiscounter KiK, der wie kaum ein anderes Unternehmen expandiert. In über 2.800 Ladengeschäften werden Klamotten zu Billigstpreisen angeboten - Lütgert zeigt, wie diese zustande kommen - und wie Menschen dafür teuer bezahlen müssen.


Der Film lief in der vergangenen Woche in der ARD - KiK hatte vergeblich versucht, per Unterlassungsbegehrung die Ausstrahlung zu verhindern. Vor Gericht gewann der NDR das Verfahren.

Eigentlich wollte ich das Video unkommentiert, selbstsprechend, veröffentlichen - für all die, welche die Sendung nicht gesehen hatten und die Online-Diskussion nicht mitbekommen haben.

Doch dann fiel mir auf, dass die Wortmeldungen in Blogs, bei Twitter und in Kommentaren auf verschiedenen Websites teils sehr oberflächlich, teils sehr breitbandig waren. Und teilweise den Charme einer gewissen Naivität hatten.

Zunächst noch eine persönliche Anmerkung zum Film selbst. Die Geschichte des abgemagerten kranken Jungen weckt sicher Emotionen und hilft vielleicht, eigene (Kauf-)Entscheidungen zu beeinflussen. Meiner Meinung nach ist sie jedoch nicht KiK anzulasten. Denn ohne KiK im Bangladesh wäre die Grundsituation die gleiche, wenn nicht noch schlechter. Sicher ist die Einbindung dieser Krankengeschichte geeignet, über die Frage nachzudenken, ob statt einer - sagen wir "ortsüblichen" - eine leistungsgerechte Entlohnung dieses Elend verhindert hätte bzw. künftig verhindern kann.

Jedoch muss die Frage gestattet sein, ob man ein Unternehmen zwingen kann, in diese Länder zu gehen und leistungsgerechte Löhne zu zahlen. Bestenfalls kann man - so meine Meinung - moralischen Druck ausüben. Zum Beispiel, indem man solche Anbieter künftig meidet und sich anderswo seine Bekleidung kauft. Nur: Wie soll man sich orientieren?

Selbst die Ratschläge von Stiftung Warentest wirken in meinen Augen ziemlich schwammig und relativ ratlos. Sich auf den Webseiten der einzelnen Anbieter zu informieren, ob faire Löhne gezahlt werden? Diese Informationen lassen sich leider kaum verifizieren.

Textildiscounter meiden? Wer sagt mir, ob ein Marken-T-Shirt für den zehnfachen Preis nicht zu gleichen Lohnbedingungen produziert wurde - nur mit wesentlich höherer Gewinnspanne?

Warentest nennt einen Anbieter (hessnatur) als "stark engagiert" und sechs weitere als "engagiert" - dies kann sicher als Orientierung für das eigene Kaufverhalten dienen. Allerdings tut sich hier das nächste Problem auf, über das ich in keinem Kommentar oder Blogbeitrag bislang gelesen habe: Der statistische Warenkorb in Deutschland.

Dieser wird heran gezogen, wenn es beispielsweise um die Berechnung von Sozialleistungen (Stichwort Hartz IV / ALG II) geht. Nicht von ungefähr ist der Anteil von Bekleidung/Schuhen in den letzten zehn Jahren von 6,9 auf 4,9 Prozent gesunken. Mit anderen Worten: Die Billigpreise der Textildiscounter drücken auch die rechnerischen Sozialleistungen für den Erwerb von Textilien. Oder anders formuliert: Manch einem Leistungsempfänger wird - jetzt und künftig - gar nichts anderes übrig bleiben, als seine Sachen bei KiK, NKD oder Takko zu kaufen.

Unbestritten ist es so, dass auch Menschen mit gutem Einkommen eine gewisse Geiz-ist-geil-Mentalität entwickelt haben und sich nicht um die Hintergründe günstiger Angebote scheren. Ebenso unbestritten dürfte jedoch sein, dass es in Deutschland eine immer größer werdende soziale Gruppe von Menschen gibt, die gar keine andere Möglichkeit haben, als mittels Discountern über den Monat zu kommen.

Wie man diesen gordischen Knoten lösen kann? Ich weiß es nicht. Ich weiß nur, dass viele Kommentare zum Thema KiK & Co. vielleicht ehrliche Wut und Empörung sind, aber manche Wortmeldungen wie "KiK abfackeln", "KiK boykottieren" entweder das Thema verfehlen oder (wie eingangs erwähnt) schlichtweg oberflächlich sind.










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