Mittwoch, 24. Februar 2010

Freiherr von Gravenreuth – Mahnung an die Nachahmer

Es war am Montag, 22.02. 2010 gegen 11:00 Uhr, als ich per Twitter auf diesen Screenshot des BR-Teletextes aufmerksam wurde. Kurze Zeit später fand sich die Meldung bei Wikipedia bestätigt, allerdings mit Verweis auf die gleiche Quelle.

Auch wenn es zu diesem Zeitpunkt noch keine Verifizierung der Aussage gab, setzte auf Twitter das große Rauschen ein – zum großen Teil noch Nachzulesen unter http://search.twitter.com/search?q=%23gravenreuthhttp://search.twitter.com/search?q=%23gravenreuth . Zum großen Teil deshalb, weil sich vermutlich und hoffentlich manch ein Twitterer im Nachhinein über seine spontane Geschmacklosigkeit selbst geschämt und diese gelöscht hat. Nicht nur sensible Naturen kamen mit dem Fremdschämen ob der teilweise geäußerten Häme kaum nach. Und dabei hat sich ein Großteil der Kommentatoren zu den „Tanja-Zeiten“ noch von Muttern in den Schlaf singen lassen. ...

Doch weiter im chronologischen Ablauf. Gegen Mittag schließlich gingen die ersten Online-Medien das Risiko ein, über das Geschehen zu berichten. Golem.de hat gleich die Kommentarfunktion deaktiviert, um Hasstiraden aus dem Weg zu gehen, heise.de sich die Moderation/Löschung unpassender Beiträge vorbehalten.

Salü zusammen,


wir lassen das Forum zu dieser Meldung über den Tod von Gravenreuths offen in der Erwartung, dass sich die Leser und Kommentatoren gesittet verhalten können. Was auch immer man zu dem Anwalt denken mag, es gilt auch nach seinem Tod, dass man nicht mit menschenfeindlichen oder anderen unflätigen Äußerungen über ihn oder einen anderen Menschen herzieht.


Wer meint, sich nicht daran halten zu müssen, der wird aus den Foren rausgeschmissen.


Aus meiner Sicht beides verständliche, nachvollziehbare Entscheidungen, denn Gravenreuth hat die Geschichte der Ehe von Computer und Justiz in Deutschland mit geprägt und sich dabei durchaus mehr Feinde als Freunde geschaffen.

Am Nachmittag des Montag wagten sich schließlich auch die anderen Online-Medien aus der Versenkung und stellten ihre „aktuellen Berichte“ online. Doch ob focus.de, stern.de, .sueddeutsche.de  (um nur einige Beispiele zu nennen) - die Texte waren fast gleichlautend und austauschbar. Ich wage zu behaupten, dass manch ein Autor sich erst bei Wikipedia über „Günni“, wie Freiherr von Gravenreuth auch genannt wurde, schlau machen musste, weil er das Geschehen in der Szene und die Person, um deren tragisches Schicksal es ging, nicht kannte...

GvG - so die von ihm selbst gewählte Abkürzung - mochte Öffentlichkeit und Aufmerksamkeit. Das Zoffen mit ihm - z.B. im Gulli-Board konnte auf gewisse Weise richtig Spaß machen. Und weil ich gerade von diesem Board spreche - dort war er noch am Sonntag gegen 22.30 Uhr vehement bei der Sache. Und eben im Gulli-Board las ich auch den - aus meiner Sicht - sehr differenzierten Nachruf mit dem Bemühen um Sachlichkeit, geschrieben von jemandem, der die Szene kennt. Eine weitere Sichtweise, die ich teilen kann, findet sich im beck-blog .

Wie bereits erwähnt: Mir ist Gravenreuth schon sauer aufgestoßen, da hatten viele der Kommentargeber noch nicht mal einen Computer. Ich habe seine Inserate in diversen Computer-Mags selbst noch gelesen. Bei aller Abneigung gegen seine Person würde ich in Anbetracht seines Freitodes dennoch keine dummen Sprüche klopfen.

Und mit ein wenig Überlegung: Nein, auch dann nicht, wenn ich eines seiner Abmahnopfer gewesen wäre.

Wenn der Suizid von „Günni“ seine Nachahmer dazu bringen würde, ihre Aktivitäten (Arbeit mag ich es nicht nennen) für eine gewisse Zeit zu unterbrechen und über das, was sie tun, nachzudenken – dann wäre dem Freitod ein kleines Stück seiner Sinnlosigkeit genommen. Einige Namen finden sich z.B. unter „Labels“ in diesem Blog auf der rechten Seite.

Letztlich – um Missverständnisse zu vermeiden – noch der Hinweis, dass nicht jeder abmahnende Anwalt Böses im Schilde führt. Wer ein Blog betreibt, Webseiten sein Eigen nennt oder anderweilig im Web aktiv ist, kann durchaus in Situationen kommen, wo er selbst einen kompetenten Anwalt braucht, um abmahnend tätig zu werden. Zum Beispiel, wenn Fotos oder Texte 1:1 übernommen werden und die Gegenseite nicht bereit ist, auf eigene Forderungen einzugehen (wobei dieser erste Schritt nicht zwingend ist).

 
Screenshot: http://gravenreuth.de/

Entscheidend ist aus meiner Sicht, welcher Mittel sich ein Anwalt bedient, um seine Einkünfte zu mehren. Und genau da hatte „Günni“ eine sehr eigene Vorstellung. Oft kopiert, aber nie (wirklich) erreicht. Eines bleibt sicher unbestritten (und der Satz ist jetzt Auslegungssache): Gravenreuth hat in Deutschland ein Stück Geschichte geschrieben.







Kommentare:

Jan hat gesagt…

Vielen Dank für diesen Text. Schön dass jemand mit klarem Kopf darüber schreiben kann, der zudem die Vorgeschichten kennt. Ich selbst habe zwar auch einmal ein Schreiben von GvG bekommen, aber ich finde es ebenfalls komplett geschmacklos, was da nach seinem Tod teilweise verbreitet wurde.

Stülpner hat gesagt…

Danke Jan für das positive Feedback.

Ich gehöre zu denen, die "Spontanbloggen" eher vermeiden ;-) Das ist nicht immer die beste lösung, aber eine Chance für sachliche Beiträge.

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