Montag, 16. November 2009

Robert Enke und das System

Es war ein Zufall, dass die Abschiedsfeier von Robert Enke am gestrigen Sonntag just auf den Volkstrauertag fiel. Je nach Sender (ARD oder ZDF) waren – wie bereits beim Trauerumzug durch Hannover 40.000 bzw. 35.000 trauernde Teilnehmer anwesend.

Zunächst: Eines können wir Deutschen gut: Feiern. Wenn es sein muss, auch Trauerfeiern. Es war eine beeindruckende Abschiedsveranstaltung von Robert Emke und manche Rede hat es verdient, als Mahnung in die Fußballfibel für junge Kicker gedruckt zu werden. „Fußball darf nicht alles sein“ meinte zum Beispiel DFB-Chef Zwanziger.

Der DFB plant nun, durch „geeignete Maßnahmen“ nicht mehr nur auf Knochenbrüche zu reagieren, sondern auch psychische Verletzungen zu vermeiden bzw. zu behandeln. Dabei ist der Profifußball nur ein potenziertes Spiegelbild unserer sogenannten Leistungsgesellschaft. Was hat man – auch seitens der Medien – nicht alles zu Sebastian Deisler gesagt und über seinen Ausstieg gefrozzelt. Doch in Anbetracht dessen, was am 11. November geschah, kann man wohl nur zu dem Schluss kommen: Deisler hat die Kurve noch rechtzeitig hin bekommen.

Das System Fußball krankt daran, dass junge Menschen – so sie denn erfolgreich sind – so viel Geld in die Hand bekommen, dass diese unter Druck geraden. Druck, geforderte Leistungen permanent erbringen zu können, aber auch Druck, dieser Spirale ohne Ende immer weiter folgen zu müssen. Das Haus, der Mercedes vor der Tür, die (finanziell) sorgenfreie Familie reichen irgendwann nicht mehr aus, man will mehr...

Dies ist zugegeben eine Pauschalisierung und mag nicht auf alle Profifußballer zutreffen und auf Robert Enke – den Berichten nach – wohl auch nicht. Aber es ist das System Fußball, wie es gegenwärtig funktioniert.

Dabei ist dieses System nur eine Teilmenge unser Gesellschaft, die adäquat ebenso agiert und funktioniert. Die Leistungsgesellschaft – unser System – kennt nur Leistung. Wer diese nicht erbringen kann, lernt in vielen Fällen die Bürokratie des Staates kennen, die aus Formblättern besteht. Stichwort Hartz IV.

4 Millionen Deutsche – so die Verlautbarungen – leiden unter Depressionen. Doch die Dunkelziffer dürfte weitaus höher sein. So berichten Psychiater, dass manch ein sogennannter Leistungsträger – aus Wirtschaft, Politik und Sport – seine Behandlungskosten gleich bar bezahlt, damit die Krankenkassen nichts davon erfahren.

Psychische Erkrankungen sind schlichtweg nicht gesellschaftsfähig. Maximal Burnout wird in gewisser Weise akzeptiert bzw. toleriert und damit assoziiert, dass sich jemand sehr intensiv und leistungsstark in die Gesellschaft eingebracht hat und nun ausgebrannt ist.

Der Werteverfall unserer Gesellschaft ist soweit fortgeschritten, dass man meint, mit ein paar Teelichtern oder Kerzen – getragen bei einem Trauerumzug oder abgestellt nach dem Totschlag eines S-Bahn-Mitfahrers oder nach einem Amoklauf am Tatort – alles nötige getan zu haben. Kerzen hatten aus meiner Sicht nur einmal Sinn – im Wendeherbst 1989 in der DDR. Dort waren die Kerzen – zum Beispiel in Plauen oder Leipzig – Waffen. Waffen gegen den Staatsapparat, der mit allem, aber nicht mit Kerzen gerechnet hatte.

Jetzt aber tragen wir Kerzen durch die Gegend oder stellen sie irgendwo ab, in unserer Hilflosigkeit. Unfähig, zu erkennen, wie marode unser System ist. Oder als stille Akzeptanz dieser Erkenntnis.

Robert Enke war ein prominentes Suizid-Opfer. Im Gegensatz zu vielen anderen, die ihrem Leben auf gleiche Weise ein Ende bereiten und in den Medien keine Erwähnung finden. Statistisch gesehen überfährt ein Lokführer in seiner gesamten Dienstzeit drei Menschen. Während es für die Selbstmörder ein schnelles Ende ist, sind sie noch auf lange Zeit traumatisiert, oft auch ohne Hilfe des Arbeitgebers. Ein lesenswerter Bericht dazu aus dem Archiv von Focus Online.

Das Fazit aus dem Schicksal von Robert Enke kann nur lauten: Psychische Erkrankungen – darunter ist die Depression eine – dürfen in unserer Gesellschaft kein Tabuthema mehr sein. Das ist gegenwärtig nicht der Fall und daran krankt unsere Gesellschaft. Und um ehrlich zu sein: Ich glaube auch nicht, dass sich hierbei in absehbarer Zeit etwas ändert. Es liegt am System...



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