Dienstag, 17. März 2009

Einer läuft Amok und alle laufen mit

Die Twitter-Feets, Blogbeiträge, Zeitungsberichte und Fernsehsondersendungen zum Amoklauf von Winnenden sind wohl nicht mehr zu zählen. Die Betroffenheit mit den Opfern und die Frage nach dem „Warum“ sind allgegenwärtig.

Nach der Notwasserung im Hudson-River und dem Einsturz des Stadtarchivs in Köln ist die Tat das aktuellste und dramatischste Ereignis, welches die „Web 2.0 – Gesellschaft“ mit all ihren Vor- und Nachteilen voll erfasst hat. Fast scheint es, dass der Amoklauf des Tim K. die Initialzündung für eine Krise in und unter den gestandenen Medien gesorgt hat – in Anbetracht der Informationsflut des WWW. Dabei sind Qualität und Quantität zwei paar Schuhe. Sowohl bei den bezahlten Journalisten als auch den sogenannten „Bürgerjournalisten“, also Twitterern und Bloggern. Aber was im Umfeld der Ereignisse von Winnenden allein im Web zu vernehmen war und ist, lässt einem nachdenklich werden.

Da versuchen Journalisten sich per Twitter mit dem Versuch einer zeitnahen „Berichterstattung“ zu profilieren, dass es dem Verband DJV schon peinlich ist, da versuchen andere Journalisten über schnell eingerichtete Twitter-Accounts an Informationen von vermeintlichen Augenzeugen zu kommen, da werden bis zu 100 Euro für tränenreiche Statements vor laufenden Kameras gezahlt. Kamerateams mieten sich gegen gutes Geld gegenüber dem Friedhof ein, um die Beerdigungen abzulichten und der Spiegel gar bringt es fertig, Tim K. im Vollformat auf die Titelseite zu lancieren.

Das Satiremagazin Titanic bringt eine Grafik mit der Überschrift „Das neue Schulranking ist da: Realschule holt auf!“...
...und zeigt damit sein eigenes Verständnis von „schwarzem Humor“. Das Sahnetüpfchen des schlechten Geschmacks liefert die Website spreekillers.org, die Tim K. auf Platz 17 ihrer High Score listet.
Der Amokläufer von Winnenden mag psychisch krank gewesen sein – aber die Medien und die Gesellschaft sind es nicht minder!

Es kann gut sein, dass die Medien im Umbruch stecken, sich wegen der schnellen (aber oft ungesicherten) Informationen über das Internet neu strukturieren und positionieren müssen – aber was hier abgelaufen ist und abläuft zeigt, dass das System krankt.

Wer – aus welchen Gründen auch immer – in dieser Gesellschaft versagt oder sich auch nur so fühlt, dem bleibt immer noch die Option, einmal ganz vorn dabei zu sein: Auf den Titelseiten der Magazine, als Namensgeber für Sondersendungen im TV und/oder aber auf einer Top-50-Highscore-Liste. Dass die Betreffenden diesen „Erfolg“ selbst zumeist nicht mehr mit erleben, realisieren sie in ihrem persönlichen Ausnahmezustand vermutlich nicht einmal ansatzweise.

Mein Fazit: In den letzten Tagen ist nicht nur Tim K. Amok gelaufen. Nein, viele haben es ihm – wenn auch nicht von der Begriffsdefinition gedeckt – gleich getan. Auf ihre Art und Weise. Ohne Ego Shooter, ohne Pistole und Munition.




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1 Kommentar:

classless hat gesagt…

Ein Kunde hebt hervor, daß der Amokläufer aus reichem Hause stammt: “Die können sich solche Hobbys leisten. Und die haben dann Knarren im Dutzend im Haus.” Die durchweg Ärmeren, auf die geschossen wurde, hätten hingegen nicht zurückschießen können.

Klassenkampf in Winnenden?

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